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Mythen & Fakten

So wie es Märchen über böse Hexen, holde Prinzessinnen und starke Helden gibt, gibt es auch Märchen über sexualisierte Gewalt.

Beide hän­gen eng zusam­men: Die Prinzessin war­tet still und wird wach­ge­küsst, ohne gefragt zu wer­den. Der Held nimmt sich, was er will, und darf kei­ne Schwäche zei­gen. Die böse Hexe ist eine Frau, die eigen­stän­dig, laut oder unbe­quem ist, und genau dafür wird sie sti­ma­ti­siert und ver­ur­teilt. Diese Rollen prä­gen bis heu­te, wem wir glau­ben und wen wir beschul­di­gen: Als „ech­tes Opfer“ gilt, wer brav und wehr­los ist. Als Täter gilt das Monster aus dem dunk­len Wald. Und wer selbst­be­stimmt auf­tritt, hat es angeb­lich provoziert.

„Du sagst das nur, weil du Aufmerksamkeit brauchst!“, „Wenn das wirk­lich pas­siert wäre, wür­dest du dich anders ver­hal­ten…“ „Übergriffe gesche­hen meis­tens nachts durch Fremde.“

Solche Sätze fal­len jeden Tag, in der Teeküche, im Meeting, im Vereinsheim, beim Abendessen – und rich­ten gro­ßen Schaden an. Sie ver­viel­fäl­ti­gen Mythen und Unwahrheiten. Sie ver­schie­ben die Verantwortung von Täter*innen zu Betroffenen. Sie brin­gen Menschen zum Schweigen. Und sie machen Wegschauen bequem.

Sexualisierte Gewalt tritt in allen Umgebungen auf. Und mitt­ler­wei­le wis­sen wir viel über Tatstrukturen, Tatdynamiken und Täter*innenstrategien. Trotzdem hal­ten sich­die­se fal­schen Annahmen hart­nä­ckig und ver­hin­dern Prävention und Aufarbeitung.. Wenn wir sie erken­nen und wider­le­gen, kön­nen wir Betroffene wirk­sam unter­stüt­zen, Taten ver­hin­dern und Einstellungen verändern.

Warum sich Mythen so hartnäckig halten

Mythen über sexua­li­sier­te Gewalt hal­ten und ver­brei­ten sich wei­ter, weil sie für alle außer den betrof­fe­nen Personen bequem sind. Jeder Mythos erfüllt eine Funktion für die Menschen, die ihn glau­ben. Doch Mythen über sexua­li­sier­te Gewalt sind kei­ne harm­lo­sen Irrtümer. Die Forschung beschreibt sie als Einstellungen und Überzeugungen, die falsch sind, sich trotz­dem weit ver­brei­tet und dau­er­haft hal­ten und dazu die­nen, sexua­li­sier­te Gewalt zu leug­nen und zu rechtfertigen. 

Mythen versprechen Sicherheit 

„Wer sich nicht so anzieht, dem pas­siert nichts“ – die­ser Gedanke beru­higt. Die Psychologie nennt das den Glauben an eine gerech­te Welt. Wir wol­len glau­ben, dass Menschen bekom­men, was sie ver­die­nen. Die Vorstellung, dass sexua­li­sier­te Gewalt jede*n tref­fen kann, ist schwer aus­zu­hal­ten. Also suchen wir einen Fehler bei der betrof­fe­nen Person.

Dahinter steckt die Hoffnung: „Wenn ich es anders mache, pas­siert es mir nicht.“ Deshalb glau­ben auch Frauen die­se Mythen.

Mythen entlasten

„Irgendjemand wird schon was sagen“, „Das ist Privatsache“, „Der ist halt so“ – sol­che Sätze befrei­en von der Verantwortung zu Handeln. Beobachtungen zei­gen: Je mehr Menschen eine Situation beob­ach­ten, des­to weni­ger fühlt sich die ein­zel­ne Person zustän­dig. Mythen lie­fern die pas­sen­de Begründung zum Wegschauen.

Und wer sagt, „Das pas­siert bei uns nicht“ oder „Ich bin nicht zustän­dig“, muss nichts ändern.

Mythen schützen das Selbstbild

Wer weg­ge­schaut, mit­ge­lacht oder selbst Grenzen über­schrit­ten hat, gerät unter Druck, sobald die Fakten aner­kannt wer­den. Diese Spannung heißt kogni­ti­ve Dissonanz. Es scheint dann viel­leicht ein­fa­cher, die Realität umzu­deu­ten: „War doch nicht so gemeint“, „Die über­treibt“ oder „Du bist zu sensibel!“

So blei­ben Selbstbild und Fremdbild ver­meint­lich intakt, wäh­rend die Verantwortung und Schuld auf die Betroffenen ver­scho­ben wird. 

Mythen sichern Privilegien

Mythen schüt­zen nicht nur Einzelne, sie schüt­zen eine Ordnung. Wer spürt, dass zum Beispiel Frauen sicht­ba­rer wer­den oder Führung über­neh­men, kann mit einem anzüg­li­chen Spruch die alte Rangordnung kurz­fris­tig wie­der­her­stel­len. Das trifft auch Männer, die nicht ins tra­di­tio­nel­le Bild von Männlichkeit passen.

Mythen schüt­zen damit den Status derer, die von der bestehen­den Ordnung pro­fi­tie­ren. Wer wider­spricht, stellt des­halb nicht nur einen Satz infra­ge, son­dern ein gan­zes Gefüge aus Macht und Privilegien.

Mythen sparen Reflexion

Mythen sind schnel­le Abkürzungen. Gelernte Stereotype, Witze und ver­meint­li­ches Wissen wird nur sel­ten geprüft. Es fühlt sich häu­fig wie Wissen an, weil vie­le sie ken­nen und dar­auf zurückgreifen.

Das zu Widerlegen kos­tet Ressourcen: Genau hin­schau­en, eige­ne Annahmen hin­ter­fra­gen, Unsicherheit aus­hal­ten. Wer das nie geübt hat, greift auf das Vertraute zurück.

Mythen schützen das Patriarchat

Mythen sind Erzählungen, die patri­ar­cha­le Ordnungen natür­lich erschei­nen las­sen. Sie machen aus Gewalt einen Einzelfall, aus Grenzverletzungen ein Missverständnis und aus Betroffenen Verdächtige. So bleibt unsicht­bar, dass sexua­li­sier­te Gewalt ein Ausdruck die­ser Ordnung ist und sie zugleich absi­chert. Das Patriarchat scha­det dabei auch Männern.

Mythen zu wider­le­gen heißt des­halb, an den Grundfesten einer Ordnung zu rüt­teln, von der vie­le pro­fi­tie­ren und unter der vie­le leiden.

Was Mythen anrichten können

Sie drehen die Frage um

Statt „Was hat er getan?“ heißt es „Was hat­te sie an?“. Damit steht die betrof­fe­ne Person vor Gericht, nicht die Tat.

Sie verharmlosen

Aus einem Übergriff wird ein Witz, ein Kompliment oder ein Missverständnis. Was harm­los klingt, muss nie­mand ernst neh­men und nie­mand ahnden.

Sie machen Gewalt unsichtbar

Viele Betroffene erken­nen sexua­li­sier­te Gewalt nicht als sol­che. Was kei­nen Namen bekommt, taucht in kei­ner Statistik und kei­ner Beschwerde auf.

Sie verhindern Anzeigen

Wer nicht damit rech­net, dass geglaubt wird, schweigt. Nur 3 % der Frauen zei­gen sexu­el­le Übergriffe an – eine Folge von Mythen und Schuldumkehr.

Sie machen krank

Körperliche und psy­chi­schen Beschwerde bis hin zu Symptomen einer post­trau­ma­ti­schen Belastungsstörung sind mög­li­che Folgen.

Sie kosten viel

Karrieren, Zugehörigkeiten und Beziehungen. Betroffene ver­las­sen Tatstrukturen und ver­lie­ren Menschen, die ihnen nicht geglaubt haben.

Sie verzerren Urteile

Wer Mythen glaubt, gibt Betroffenen deut­lich mehr Schuld und hält Beschuldigte eher für unschul­dig. So beein­flus­sen Mythen, wie Fälle bewer­tet werden.

Sie schützen Täter*innen

Wo nie­mand wider­spricht, gibt es kei­ne Konsequenzen. Und wo es kei­ne Konsequenzen gibt, gibt es kei­nen Grund aufzuhören.

Mythos oder Fakt? So erkennt ihr den Unterschied

Ein Mythos fragt nach den Betroffenen, ein Fakt fragt nach nach der Tat. Mythen arbei­ten gern mit „immer“, „nie“, „die meis­ten“ oder „die wol­len doch nur“. Fakten haben eine Quelle. Zwei Fragen hel­fen beim Prüfen:

  • Wer wird hier ver­ant­wort­lich gemacht: die Person, die gehan­delt hat, oder die Person, der etwas ange­tan wurde?
  • Worauf stützt sich die Aussage: auf Daten oder auf ein Bauchgefühl?

Wer die Fakten kennt, kann wider­spre­chen, ruhig und sicher. Darum gibt es unse­re Poster und Visitenkarten zum Downloaden und Ausdrucken.

1. Poster – Widerspruch zum Aufhängen

12 Poster im Hochformat. Die PDF lässt sich ohne Qualitätsverlust auch auf A2 oder A1 drucken.

2. Visitenkarten – Klein im Format, groß in der Wirkung.

Dieselben zwölf Motive als Karte mit Vorder- und Rückseite. Die Datei zum Selbstdrucken passt auf Avery Zweckform C32010 (85 × 54 mm, 10 Karten pro A4-Bogen). Druckt mit 100 % Skalierung, beid­sei­tig mit Wendung an der lan­gen Kante.

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