Was ist benevolenter Sexismus?

Eine Frau greift zum Koffer. Noch bevor sie ihn ange­ho­ben hat, sagt der Mann neben ihr:
„Das ist doch viel zu schwer, das mach ich!“

Gut gemeint.
Ohne Hintergedanken.
Und trotz­dem mit Wirkung.



Kennt ihr sol­che Situationen?
Das ist einer der typi­schen Momente von wohl­wol­len­dem Sexismus und ich erle­be ihn regel­mä­ßig. Ich bin die Frau, die ihren Moderationskoffer selbst tra­gen will, den Laptop anschlie­ßen möch­te, das Beamerkabel sucht. Und der das zu oft auto­ma­tisch „über­nom­men“, „abge­nom­men“ oder IT-Unterstützung „ange­bo­ten“ wird. Denn als Frau brau­che ich wohl Unterstützung.

Und ja: Unterstützung ist will­kom­men. Sie ist Teil unse­rer soli­da­ri­schen Gesellschaft. Doch sie ist nur dann respekt­voll, wenn sie auf Nachfrage oder ech­tem Bedarf basiert. Wenn sie dar­auf beruht, dass ein Mann annimmt, ich kön­ne es nicht oder dass es sei­ne Aufgabe sei, mir etwas abzu­neh­men, wird dar­aus eine Form von beid­sei­tig ent­mün­di­gen­der Vorentscheidung.


Das ist kei­ne Ausnahme, son­dern ein Muster und auch die Forschung zum ambi­va­len­ten bzw. wohl­wol­len­den Sexismus beschreibt genau die­se Logik: Ungleichheit sta­bi­li­siert sich nicht nur über Abwertung, son­dern auch über Überhöhung. Wer als „beson­ders schüt­zens­wert“ gilt (häu­fig Frauen), gilt gleich­zei­tig als weni­ger zustän­dig für bei­spiels­wei­se Risiko, Technik, Entscheidungen oder Führung.

Und das hat Folgen:
Wer sys­te­ma­tisch aus klei­nen Handlungssituationen her­aus­ge­hal­ten wird, sam­melt weni­ger Erfahrung in genau den Bereichen, die spä­ter als Kompetenz gel­ten – mit spür­ba­ren Auswirkungen auf Zutrauen, Karrierewege, Zuschreibungen und Selbstverständnis.
Studien zei­gen, dass wohl­wol­len­de Geschlechterstereotype eng mit gerin­ge­rer wahr­ge­nom­me­ner Führungsfähigkeit und stär­ke­rer Rollenzuschreibung in Richtung Fürsorge ver­bun­den sind.

Warum das so sel­ten als Problem erkannt wird?
Weil es nicht wie Ausschluss aus­sieht, son­dern wie Hilfe:
Es wird getra­gen, gelöst, erle­digt.

Wenn ich das anspre­che, kip­pen Diskussionen oft und nicht die Wirkung steht im Fokus, son­dern die Absicht:

→ „Das war doch nur nett gemeint.“

→ „Soll ich jetzt kei­ne Tür mehr auf­hal­ten?“

→ „Soll man jetzt kei­ner alten Dame mehr die Tasche tra­gen?“

Dann wird situa­ti­ve, gewünsch­te Unterstützung mit auto­ma­ti­scher Zuschreibung von Schwäche oder Unfähigkeit ver­mischt und Diskussionen ziel­los.

Was statt­des­sen getan wer­den soll­te, ist so banal wie ent­schei­dend:

→ „Möchten Sie Hilfe mit dem Koffer?“

→ „Soll ich die Tür hal­ten?“ Oder, noch bes­ser: Türen ein­fach grund­sätz­lich für alle Menschen auf­hal­ten.

→ Hilfe als Angebot gestal­ten, nicht als Eingriff.

→ Nicht auto­ma­tisch davon aus­ge­hen, dass jemand etwas nicht kann, nur weil Geschlechterbilder das nahe­le­gen.

Es geht nicht dar­um, weni­ger hilfs­be­reit zu sein!
Sondern dar­um, Fürsorge nicht in Bevormundung kip­pen zu las­sen.
Und Menschen grund­sätz­lich Handlungskompetenz, Entscheidungskraft und Durchhaltevermögen zuzu­trau­en – unab­hän­gig vom Geschlecht.

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