In meiner mehrjährigen Arbeit zum Thema sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz gibt es kaum noch etwas, das mich überrascht. Und alle die Sätze im Bingo habe ich selber gehört, in Workshops erlebt oder zugetragen bekommen. Nicht nur einmal, sondern in vielen Variationen.
Denn das ist ein Muster.
Eine Sammlung aus Sätzen, die in Organisationen auftauchen.
Vor allem dann, wenn sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz nicht klar benannt, sondern ignoriert, verharmlost oder hübsch verpackt wird – als Kompliment, Witz unter Kollegen oder Anerkennung.

Und ja, auf den ersten Blick wirken manche Aussagen vielleicht vernünftig, vorsichtig oder ausgleichend.
In der Wirkung passiert jedoch etwas anderes: Der Fokus rutscht weg vom Verhalten der einen Person, hin zu der Person, die es anspricht.
Und genau da beginnt die typische Dynamik:
1. „Bei mir ist er immer professionell.“
Das kann stimmen und trotzdem nichts darüber aussagen, was andere erleben. Verhalten ist kontextabhängig, besonders in Machtgefällen.
2. „Davon hätten wir doch gehört.“
Nein. Viele Betroffene sprechen nicht (sofort), aus Angst vor Konsequenzen, Nicht-Glauben oder beruflichen Nachteilen.
3. „So ist der Chef halt.“
Das klingt nach Pragmatismus, ist jedoch auch ein stilles Einverständnis mit einem Zustand, der so nicht sein darf.
4. „Keine Zeugen, kein Fall.“
Ein gefährlicher Irrtum. Grenzverletzungen passieren selten öffentlich und gerade dort, wo Abhängigkeiten bestehen. Zeugen sind nicht notwendig für die Bearbeitung.
5. „Wir müssen beide Seiten hören.“
Ja! Doch nicht als Verzögerungstaktik. Sondern strukturiert, geschützt und ohne automatisierte Zweifel an der Person, die sich meldet.
6. „Das kann ich mir nicht vorstellen.“
Glaubwürdigkeit ist kein Gefühl. Und Täter*innen wirken im Alltag oft unauffällig oder sogar vorbildlich. Das ist ihre Strategie.
7. Dann wechseln Sie doch die Stelle.“
Das ist keine Lösung, sondern eine Verschiebung: Täter*innen und Kulturen bleiben, die betroffene Person geht. Und mit ihr die Chance, etwas zu adressieren, ein Zeichen gegen Belästigung zu setzen und dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz nachzukommen.
8. „Bei dem Outfit kein Wunder.“
Die klassische Schuldumkehr. Das Outfit spielt keine Rolle.
9. „Sie zerstören unseren Ruf.“
Den Ruf beschädigt die Tatperson. Und der unternehmerische Umgang mit dem, was dann passiert oder eben nicht passiert.
Alle diese Sätze entstehen oft nicht aus destruktiver Absicht, sondern aus Unsicherheit, Loyalität oder dem Wunsch, schnell wieder Ruhe herzustellen. Doch sie vertuschen, verlangsamen Aufklärung, verschieben Verantwortung und erhöhen das Risiko, dass Betroffene sich zurückziehen und Täter*innen weiter unbehelligt agieren und ihre Taten ausweiten.
Und genau da liegt der Hebel: Nicht in der perfekten Reaktion, sondern darin, diese Muster zu erkennen und sie bewusst zu unterbrechen.
@Verena Arps-Roelle