Viele Unternehmen, Führungskräfte und Mitarbeitende betrachten Sexismus, Stereotype und sexuelle Belästigung – also sexualisierte Gewalt – als Problem der jeweils Betroffenen, des Teams oder einer zuständigen Abteilung. Und auf keinen Fall als eigenes Thema.
Genau diese Haltung verhindert wirksame Prävention, Intervention und Veränderung.
Sexualisierte Gewalt am Arbeitsplatz macht nicht an Organigrammen halt.
Sie beeinflusst das Sicherheitsgefühl von Beschäftigten, das Vertrauen in Führung und die Glaubwürdigkeit der gesamten Organisation.









Die Folgen reichen von Erkrankungen, sinkender Arbeitszufriedenheit, erhöhten Fehlzeiten und Fluktuation bis hin zu Produktivitätsverlust und Wissensabfluss:
→ Wer sich nicht sicher fühlt, arbeitet anders.
→ Wer erlebt, dass Grenzverletzungen ignoriert oder bagatellisiert werden, verliert Vertrauen.
→ Wer das verliert, geht oft – und nimmt Erfahrung, Wissen und Kolleg*innen mit.
Dazu kommt:
Die meisten Vorfälle werden nie offiziell gemeldet.
Betroffene schweigen aus Angst vor Nachteilen, Schuldzuweisungen, Karriereeinbußen oder weil sie bereits erlebt haben, dass Meldungen keine Veränderung bewirken.
Doch was nicht gemeldet wird, kann auch nicht sanktioniert oder gestoppt werden. Fehlende Beschwerden sind kein Beweis für fehlende Vorfälle, sondern oft für eine Kultur des Schweigens, der Unsicherheit oder der Angst.
Wer sagt: „Davon habe ich noch nie etwas gehört“, sollte sich fragen, ob im Unternehmen genug Vertrauen besteht, um darüber zu sprechen.
Führung bedeutet nicht nur Verantwortung für Ergebnisse, Prozesse und Kennzahlen. Führung bedeutet auch Verantwortung für die Bedingungen, unter denen Menschen arbeiten.
Dazu gehört, Grenzen zu wahren, Risiken ernst zu nehmen und bei Grenzverletzungen konsequent zu handeln.
Unternehmen mit wenigen oder keinen gemeldeten Fällen sollten prüfen, ob ihre Schutzkonzepte, Meldewege, Ansprechpersonen und Leitlinien tatsächlich wirksam sind – oder nur formal existieren und ungewollt bestehende Machtverhältnisse und Täter*innen schützen.
Denn jede Aktion und Reaktion, ebenso wie jede fehlende Aktion udn Reaktion, prägen das Vertrauen, die Arbeitsatmosphäre und die Unternehmenskultur.
Sexuelle Belästigung ist immer ein Führungs- und Kulturthema.
Und deshalb geht sie alle an.
@Verena Arps-Roelle