Content-Hinweis: Diese Seite thematisiert sexualisierte Gewalt. Das Lesen kann belastend oder aufwühlend sein. Achte gut auf dich. Du entscheidest selbst, ob und wann du weiterlesen möchtest. Wenn du Unterstützung brauchst, wende dich an eine der Unterstützungsstellen.

Tradition oder Sexismus?

Traditionelle Werte – das klingt erst­mal harm­los.
Stabil.
Verlässlich.
Fast nost­al­gisch.

Doch sobald ich genau­er hin­schaue, wird die­se Formel erstaun­lich oft zum Schutzschild für etwas ande­res: für fest­ge­schrie­be­ne Geschlechterrollen und ‑hier­ar­chien. Dann heißt es:

Männer sei­en von Natur aus zustän­dig für Führung, Entscheidungen und Risiko.
Frauen hin­ge­gen für Fürsorge, Anpassung und Emotionen.
Dementsprechend fin­det sich die Rolle von Frauen bis heu­te vor allem in Haushalt, Schwangerschaft, Kindererziehung und sozia­ler Arbeit – wenn es denn über­haupt „rich­ti­ge“ Arbeit sein soll.
Während Männer sich als Hauptverdiener, Familienoberhaupt, Entscheider und Kämpfer wie­der­fin­den sol­len.

Doch was bedeu­tet „tra­di­tio­nell“ eigent­lich?
→ Traditionell im Sinne der Aufklärung, die Gleichheit und Menschenrechte for­mu­liert hat?
→ Traditionell im Sinne der grie­chi­schen Reiche, in denen Demokratie gleich­zei­tig auf mas­si­ver Ausgrenzung von Frauen, Sklav*innen und Nicht-Bürger*innen beruh­te?
→ Traditionell im Sinne der Industrialisierung, in der Arbeitsteilung sys­te­ma­tisch geschlecht­lich orga­ni­siert und wirt­schaft­lich ver­fes­tigt wur­de?
→ Oder doch eher im Sinne einer selek­ti­ven Erinnerung, die genau das roman­ti­siert, was his­to­risch Ungleichheit sta­bi­li­siert hat?

Das Bild zeigt links eine Frau in Schürze und rechts einen Mann im Anzug. Darüber steht: Tradition oder Sexismus?



Rollenbilder und Werte sind kei­ne neu­tra­len kul­tu­rel­len Konstanten.
Sie sind sozia­le Konstruktionen, die sich über Jahrhunderte ent­wi­ckelt und sta­bi­li­siert haben, und das oft ent­lang der Frage, wer Zugang zu Bildung, Eigentum, poli­ti­scher Teilhabe und kör­per­li­cher Selbstbestimmung hat­te.

Und vie­les von dem, was uns heu­te als „Tradition“ ver­kauft wird, ist bei genau­er Betrachtung nichts ande­res als ein his­to­risch gewach­se­nes Machtverhältnis, das erhal­ten blei­ben soll, denn schließ­lich sei es „schon immer so gewe­sen“.
Profitieren sol­len davon vor allem die­je­ni­gen, die inner­halb die­ser Ordnung pri­vi­le­giert und pro­fi­tie­rend sind.
Menschen hin­ge­gen, die dadurch aus­ge­schlos­sen, redu­ziert oder unsicht­bar gemacht wer­den, sol­len bit­te ruhig blei­ben- immer ger­ne mit dem Verweis auf das angeb­lich „Traditionelle“.

Doch „Traditionell“ bedeu­tet sel­ten: „Schon immer so gewe­sen.“
Sondern eher: „Lange genug wie­der­holt, um nor­mal zu wir­ken…“

Und wenn Ungleichheit lan­ge genug nor­ma­li­siert wird, wirkt sie irgend­wann wie natur­ge­ge­ben. Oder ver­nünf­tig. Oder eben wie Tradition.


Deshalb soll­ten wir uns fra­gen:

1. Welche Traditionen hal­ten wir eigent­lich auf­recht und wel­che Ungleichheiten ver­ste­cken sich dar­in?

2. Und wie viel davon ist in Wahrheit his­to­risch ver­fes­tig­ter Sexismus?

@Verena Arps-Roelle

Ähnliche Beiträge

7 Mythen zu sexueller Belästigung

Viele Unternehmen, Führungskräfte und Mitarbeitende betrach­ten Sexismus, Stereotype und sexu­el­le Belästigung – also sexua­li­sier­te Gewalt – als Problem der jeweils Betroffenen, des Teams oder einer zustän­di­gen Abteilung. Und auf kei­nen Fall als eige­nes Thema.
Genau die­se Haltung ver­hin­dert wirk­sa­me Prävention, Intervention und Veränderung.

Weiterlesen

Bullshit Bingo „Sexuelle Belästigung“

Eine Sammlung aus Sätzen, die in Organisationen auf­tau­chen. Vor allem dann, wenn sexu­el­le Belästigung am Arbeitsplatz nicht klar benannt, son­dern igno­riert, ver­harm­lost oder hübsch ver­packt wird – als Kompliment, Witz unter Kollegen oder Anerkennung.

Weiterlesen